Mein Weg in die Hospizarbeit

5. Okt. 2026

Wie kommt man nach einem erfüllten Berufsleben zur Hospizarbeit? Georg Grabner berichtet über seinen Weg vom Landrat zum Hospizbegleiter.

Ich möchte vorausschicken, dass ich eigentlich nicht gerne über mich selbst rede, weil es ganz viele Hospizbegleiterinnen und -begleiter gibt, die diese Arbeit schon viel, viel länger machen als ich. Aber nachdem Johannes Häberlein mich gebeten hatte, über meinen Werdegang zu erzählen, habe ich mich entschlossen, es zu tun.

Georg Grabner auf der Jahreshauptversammlung des Hospizvereins Berchtesgadener Land im August 2026

Wenn das Ende des Berufslebens näher kommt, ist man gut beraten, sich rechtzeitig Gedanken darüber zu machen, was man mit der neu gewonnenen Freiheit machen will.

Ich habe das getan und für mich war klar, dass ich nach über 30 Jahren Berufspolitik (fast 13 Jahre Landtagsabgeordneter und 18 Jahre Landrat) nichts politisches mehr machen will.

Ich war sehr gerne Abgeordneter und Landrat. Aber alles hat seine Zeit. Und ich wollte nochmal etwas ganz anderes machen.

Bei mir war die Entscheidung, mich ehrenamtlich in der Hospizarbeit zu engagieren, keine spontane Entscheidung, sondern ein längerer Prozess.

Ich erinnere mich daran, dass früher sterbende Menschen im Krankenhaus oft in Nebenräume geschoben wurden. Das hat mich immer schockiert.

Hier hat sich in den letzten Jahrzehnten Gott sei Dank vieles grundlegend zum Positiven verändert. 1983 wurde in Köln die erste Palliativstation in Deutschland eröffnet. Im Münchner Klinikum Großhadern wurde 2004 eine Palliativstation eröffnet.

Das hat mein Interesse geweckt. Ich hatte mir dann als Landrat das Ziel gesetzt, in einer unserer Kreiskliniken auch eine Palliativstation einzurichten – nichtsahnend, wie kompliziert das sein würde. Aber wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt hatte, dann habe ich dafür gekämpft.

Zunächst gab es eine Ablehnung durch die Geschäftsführung unserer Kliniken. Grund hierfür waren in erster Linie Finanzierungsprobleme durch die Krankenkassen. Aber es gab auch interne Probleme in der Ärzteschaft.

Es war schließlich eine glückliche Fügung, dass es in der Kreisklinik Bad Reichenhall eine internistische Oberärztin, nämlich Frau Dr. Krause-Michel (eine wahre Perle!) gab, die auch eine Palliativausbildung hatte und ebenfalls für eine Palliativstation kämpfte.

Wir kämpften also beide gemeinsam: Frau Dr. Krause-Michel auf der ärztlichen Seite und ich auf der politischen Seite.

Und es hat sich gelohnt! Schließlich gelang es, 2005 in der Kreisklinik Bad Reichenhall die erste Palliativstation südöstlich von München zu eröffnen.

Im April 2006 kam ein Cousin von mir, der schwer an Krebs erkrankt war, auf die Palliativstation und starb dort auch kurz darauf. Was ich dort gesehen und erlebt habe, wie professionell und liebevoll das Personal dort arbeitete, hat mich tief beeindruckt und bewegt.

2006 nahm das Netzwerk Hospiz im Landkreis Traunstein seine Arbeit auf. Alois Glück war der Motor und große Unterstützer.

Als Alois Glück nach erfolgreichem Start in Traunstein auf mich zukam und fragte, ob sich nicht auch der Landkreis Berchtesgadener Land an dem Netzwerk beteiligen wolle, habe ich spontan zugesagt und der Kreistag hat einstimmig beschlossen, hier mitzumachen und auch mitzuzahlen (anfangs nur über Spenden finanziert).

In der Folge befasste ich mich auch näher mit der Arbeit der Hospizvereine.

Mein Entschluss reifte langsam, mich nach meiner beruflichen Tätigkeit ehrenamtlich in diesem Bereich zu engagieren.

Ich erinnere mich noch gut an eine Jubiläumsfeier des Hospizvereins Berchtesgadener Land im Pfarrheim St. Zeno in Bad Reichenhall. In meinem Grußwort würdigte ich die großartigen Leistungen des Hospizvereins und erwähnte dabei, dass ich mir gut vorstellen könne, mich nach dem Ende meiner Berufstätigkeit auch ehrenamtlich in der Hospizarbeit zu engagieren.

Ja, und so kam es dann auch.

Als ich zum 1. Mai 2020 mit 68 Jahren in den Ruhestand ging war ja gerade Hochphase von Corona. Anfang 2021, als die Kontaktsperren etwas abklangen, nahm ich Kontakt auf mit unserem Hospizverein.

Wir vereinbarten ein erstes Treffen in der Geschäftsstelle des Hospizvereins. Sabine Haut und Claudia Morgalla-Raphaelis waren zugegen und wollten natürlich wissen, was denn den Georg Grabner bewegt, Hospizbegleiter zu werden.

Wir hatten ein sehr gutes Gespräch und da tauchte natürlich auch die Frage auf, wie es denn bei den Patientinnen und Patienten ankommen würde, wenn da plötzlich der Ex-Landrat kommt. Ich erklärte, dass ich da nicht als Ex-Landrat hingehen würde, sondern ganz privat als Georg Grabner.

Offensichtlich konnte ich die Zweifel zerstreuen und es kam zu der Zusage, dass ich an dem Befähigungskurs zum Ehrenamtlichen Hospizbegleiter teilnehmen könne.

Im April 2021 startete der Kurs.

Anfangs fanden die Kursabende wegen der Einschränkungen durch Corona online statt. Später als wir uns zu den Kursabenden real trafen, zunächst mit Schutzmaske und dem jeweils aktuellen Nachweis eines negativen Coronatests und als dann diese Einschränkungen endlich wegfielen, kamen wir so richtig an.

Der Kurs umfasste mehr als 100 Unterrichtsstunden, zusätzlich einige Wochenenden. Es gab Vorträge, Filmvorführungen, Gruppenarbeit und praktische Übungen.

Die Kursinhalte waren außerordentlich vielfältig und beinhalteten z.B.

• Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit als persönliche Vorbereitung für die Begleitung sterbender Menschen
• Gesprächsführung und Kommunikation am Krankenbett und mit den Angehörigen
• Physische und psychische Prozesse des Sterbens sowie Trauer und Trauerbegleitung
• Medizinische Aspekte: Information über Schmerztherapie und Krebserkrankung sowie Demenz und Umgang mit Demenzkranken
• Menschliche und spirituelle Begleitung sterbender Menschen und deren Angehörige
• Ethische und praktische Fragen um Sterben und Tod
• Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht.
• Selbstfürsorge

Außerdem galt es, 10 Besuche bei einem alten Menschen in einem Altenheim zu absolvieren.

Schließlich gab es auch noch ein Selbsterfahrungs-Wochenende, an dem man selbst prüfen konnte, ob man sich dieser Aufgabe gewachsen fühlte und auch von Seiten des Hospizvereins wurde zusammen mit einer Psychologin beurteilt, ob man geeignet sei.

Wir waren eine Gruppe von anfangs 10 Frauen und 2 Männern, die im Laufe des Kurses zu einer eingeschworenen Gemeinschaft mit einer unglaublichen Offenheit einander gegenüber zusammengewachsen sind.

Und wir hatten ganz tolle Ausbilderinnen – Sabine und Claudia –, die uns auf dem Weg zu Hospizbegleiterinnen und -begleitern außerordentlich kompetent und mit viel Herz begleitet haben.

Ich habe bei dieser Ausbildung unheimlich viel dazugelernt. So ist zum Beispiel Gesprächsführung und Kommunikation in der Hospizarbeit etwas anderes als im Berufsleben. Das Thema Nähe und Distanz ist ein weiteres Beispiel.

Im Dezember 2021 haben wir den Kurs schließlich erfolgreich abgeschlossen.

Unsere Teilnahmezertifikate bekamen wir im April 2022 und Anfang Mai 2022 bekam ich bereits die erste Begleitung. Im Juni 2022 kam noch ein zweiter Patient hinzu. Seither habe ich so gut wie durchgehend Begleitungen.

Heute kann ich voll Überzeugung sagen: Das war genau die richtige Entscheidung für mich. Hospizbegleitung ist eine fordernde, aber auch sehr bereichernde Aufgabe.

Es ist beeindruckend, zu erleben, was einem Menschen alles anvertrauen und wie dankbar sie und auch Angehörige sind, wenn man ihnen Zeit und Zuwendung schenkt. Und man glaubt es gar nicht – da wird auch viel gelacht.

2023 habe ich noch eine weitere Aufgabe im Hospizbereich, nämlich den Vorsitz des Fördervereins Chiemseehospiz, übernommen.

Im Januar 2017 haben die Landkreise BGL/TS/RO und die Stadt RO ein gemeinsames Kommunalunternehmen zum Bau und Betrieb eines stationären Hospizes gegründet. Im November 2020 wurde das Chiemseehospiz in Bernau in Betrieb genommen.

Zur Unterstützung wurde auch ein Förderverein gegründet, dessen Vorsitz Alois Glück übernahm.Vor 3 ½ Jahren kam Alois Glück auf mich zu mit der Bitte den Vorsitz von ihm zu übernehmen.

Ich wollte das anfangs nicht, weil ich in meinem Berufsleben schon sehr viele Vorsitze hatte und es im Ruhestand gemütlicher angehen wollte.

Letztlich habe ich dann aber doch zugesagt. Und so habe ich vor 3 Jahren auch den Vorsitz des Fördervereins Chiemseehospiz übernommen. Einiges an zusätzlicher Arbeit. Aber es macht Freude, auch dort mit einem tollen Team zusammenzuarbeiten.

Ja und so bin ich in die Hospizarbeit hineingewachsen.

Wir sind in unserer Region BGL/TS glücklicherweise mit den Palliativstationen in den Kliniken Bad Reichenhall und Traunstein, dem Netzwerk Hospiz mit der SAPV, unserem Chiemseehospiz und den Hospizvereinen sehr gut aufgestellt.

Viele Menschen fürchten nicht so sehr den Tod, sondern das Sterben, das oft mit Begleiterscheinungen wie Atemnot, Schmerzen, Unruhe, Übelkeit, Angst, Unsicherheit und Einsamkeit verbunden ist. Angst, vor dem Ausgeliefertsein.

Es geht dabei nicht nur um ein medizinisches Problem, sondern der Mensch in seiner Ganzheitlichkeit steht im Mittelpunkt.

Und auch für Angehörige ist es oft schwer, einen lieben Menschen gehen zu lassen.

Ich sehe uns Hospizbegleiterinnen und -begleiter nicht als Sterbebegleiter, sondern in erster Linie als Lebensbegleiter – bis zum Tod der Patientinnen und Patienten.

Man hört oft von Menschen „ich könnte das nicht“. Ich sag dann immer: Doch, das kann man, weil wir gut ausgebildet sind, regelmäßig fortgebildet werden und von Patientinnen und Patienten sowie Angehörigen unheimlich viel zurückkommt.

Für mich ist Hospizarbeit eine sehr bereichernde Aufgabe, die mir viel Freude macht. Hospizarbeit macht auch etwas mit einem selber: Ich bin noch dankbarer und zufriedener wie zuvor. Ich würde es immer wieder machen!